Einfach unverwechselbar: die Stuttgarter Antiquariatsmesse 1962 - 2012
„Antiquare und Graphikhändler gelten im Allgemeinen als Individualisten und sind nicht leicht zu bewegen, sich an Gemeinschaftsunternehmungen zu beteiligen. Diese Verkaufsmesse, die von einer Reihe von Mitgliedern des Verbands durchgeführt wird, stellt einen ersten Versuch dar, das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit durch eine gemeinsame Ausstellung zu gewinnen.“
Am Anfang stand diese eher verhaltene Prognose. Doch entgegen der Erwartung, die der damalige Vorstandsvorsitzende Günther Mecklenburg im Vorwort zum ersten Messekatalog äußerte, erwiesen sich die Antiquare als beständig und vor allem: als teamfähig. Bereits fünf Jahre später resümierte Dr. Frieder Kocher-Benzing:
„Jene Skepsis gehörte durch den Erfolg schon der ersten Messe rasch der Vergangenheit an.“
Heute ist die Stuttgarter Antiquariatsmesse die älteste Antiquariatsmesse Deutschlands und neben der London International Antiquarian Book Fair die zweitälteste in Europa. 2011 feierte sie ihr 50. Jubiläum.
1958 veranstaltete die Antiquarian Booksellers’ Association (ABA) die erste Londoner Messe. Damals noch in den Räumen der National Book League dauerte sie 14 lange Tage vom 6. bis 21. Juni. 1960 folgte das Mid-Atlantic Chapter der ABAA mit der ersten Antiquariatsmesse in New York. Deren Erfolg brachte die Stuttgarter Antiquare Fritz Eggert, Fritz Neidhardt und Dr. Frieder Kocher-Benzing auf die Idee, eine deutsche Messe zu etablieren. Die Bedingungen dafür schienen ideal: Stuttgart war und ist ein kultureller und wirtschaftlicher Anziehungspunkt, eine Buch- und Verlagsstadt mit langer, beeindruckender Tradition und einer lebhaften Kulturszene. Der Vorstand des Verbandes um Günther Mecklenburg, Dr. Frieder Kocher-Benzing, Dr. Ernst L. Hauswedell, Helmuth Domizlaff und Dr. h.c. Eduard Trauscholdt unterstützte das Projekt. Vom 8. bis 11. Februar 1962 war es so weit:
Die erste „Verkaufs-Messe des Verbandes Deutscher Antiquare, Autographen- und Graphikhändler“ öffnete im Gustav-Siegle-Haus ihre Tore.
„Der eigentliche Sinn (der Messe) … soll die persönliche Begegnung mit Bücherfreunden und Sammlern, mit den Leitern der Bibliotheken, Museen und Archive und mit den Kollegen des In- und Auslandes sein“, hieß es 1962. So ist es gekommen. Die Stuttgarter Antiquariatsmesse ist ein internationaler Treffpunkt, und auch wer ohne teure Einkäufe die Messe verlässt, empfindet den Besuch als Gewinn. Man spricht miteinander, registriert, was auf dem Markt ist, und genießt die Gelegenheit, so viele wertvolle Bücher und Graphiken ohne „Berührungsängste“ bewundern zu dürfen.
Das Gesicht der Stuttgarter Antiquariatsmesse hat sich verändert. 1962 waren 21 Aussteller bei der Premiere dabei, darunter L’Art Ancien (Zürich), Helmuth Domizlaff (München), Wolfgang Ketterer (Stuttgart), Haus der Bücher AG (Basel), Louis Loeb-Larocque (Paris), die Kurbuchhandlung Bernhard Krohn (Badenweiler), H. O. Hauenstein (München) oder das Kunstkabinett Elfriede Wirnitzer (Baden-Baden). 1973 war die Ausstellerzahl schon auf 53 angewachsen und das Gustav-Siegle-Haus damit zu klein geworden. Man zog in das stilvolle Ambiente des Württembergischen Kunstvereins am Schloßplatz und begrüßte dort unter vielen anderen auch das von Walter Alicke geführte Antiquariat Interlibrum (Vaduz) und Ludwig Rosenthal’s Antiquariaat (Hilversum).
In den ersten Messekatalogen wurden keine Preise genannt. Es sollte kein reiner „Verkaufskatalog“ sein, sondern ein Anreiz, nach Stuttgart zu reisen. Wie heiß umkämpft die Bücher, Autographen und Graphiken waren, zeigen die Randbemerkungen mancher Besucher und Kollegen in ihren Handexemplaren, hier ein Reisespezialist 1965:
„Kohlhauer: Humboldt! Wieviel können wir zahlen?“
Legendär war viele Jahrzehnte der Run auf die Bücher bei Messeeröffnung, bei dem zuweilen Vitrinen, Regale, Treppenstufen und Sammlerkollegen um Haaresbreite n i c h t touchiert wurden. Erst 1973 setzte man Preise zu den Titelaufnahmen. Nur ein Jahr später entschuldigte sich der damalige Vorstandsvorsitzende Valentin Koerner im Messekatalog 1974 dafür, „nun leider – nach 12 Jahren – erstmalig“ Eintrittsgeld erheben zu müssen.
Der Run auf die Messeobjekte blieb bis 2008 bestehen. Seitdem gilt auch in Stuttgart das Losverfahren, wenn es mehrere Interessenten für einen Titel aus dem Messekatalog gibt.
Von 1962 bis 1966 zierte „Helmert. Der deutsche Diogenes“ das Cover, in den Folgejahren wechselten sich Karikaturen und Miniaturen auf dem Katalogumschlag ab, bis sich der Messeausschuss 1970 für den „lesenden Tieck“ nach einem Scherenschnitt von Luise Duttenhofer entschied. Die Messeleitung hatte damals Jürgen Voerster inne, die Katalogredaktion übernahm für lange Jahre Carl-Ernst Kohlhauer. 1998 wurde es dunkel um den Stuttgarter Messekatalog mit dem elegant schwarz-blau stilisierten Buchschnitt. Zum 50. Jubiläum 2011 war es dann an der Zeit, den traditionellen „lesenden Tieck“ wieder in ein modernes Gewand zu kleiden.
Seit 2002 laden die Stuttgarter Messe und die Antiquaria / Ludwigsburg zum Auftakt der Messewoche ins Literaturhaus. Zum 50. Stuttgarter und 25. Ludwigsburger Jubiläum fragten dort Denis Scheck und Rainer Moritz:
„Wieviele Bücher braucht der Mensch?“ Viele, natürlich!
Seit 2006 sind die Ausstellungen im Rahmen und in den Räumen der Stuttgarter Antiquariatsmesse eine viel beachtete Veranstaltung, zu der jeweils ein bibliophil gestalteter Katalog erscheint. Und die Vernissage am Messesamstag ist jedes Jahr ein besonderes Ereignis. Gewidmet waren die bisherigen Ausstellung dem Messebegründer Fritz Eggert, dem Antiquariatskatalog und seiner Geschichte mit einem hinreißenden Vortrag von Reinhard Wittmann, Stefan George und dem Schicksal des Stuttgarter Verlages Levy & Müller, dessen Geschichte Friedrich Pfäfflin in einer bemerkenswerten Studien mit Werkverzeichnis nachgezeichnet hat.
Zum 50. Messejubiläum waren Ausstellung und Vernissage dann einem ganz besonderen Thema gewidmet sein. Der Verband Deutscher Antiquare hat Ernst Fischers biographisches Handbuch „Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933“. Konnte es einen würdigeren Ort geben, diese immense wissenschaftliche Leistung der Öffentlichkeit vorzustellen?
51 Jahre Stuttgarter Antiquariatsmesse – Ein Dinosaurier ist in die Jahre gekommen.
Doch bei allen Veränderungen ist das Grundkonzept erhalten geblieben: Die Messe ist ein Marktplatz für den internationalen Handel, ein Mekka für Bibliophile und ein großes Ereignis in der Region, ein Ort der Begegnung für alle Buch- und Kunstinteressierten. Das Konzept ging – und geht – auf. 1962 nahmen 21 Antiquare, Autographen- und Graphikhändler an der ersten Messe teil. 2012 werden 80 Aussteller aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, den USA, Italien, Ungarn und Großbritannien im Württembergischen Kunstverein vertreten sein. Fünf Antiquariate sind der Messe von Beginn an treu geblieben: C. G. Boerner (Düsseldorf), Fritz Neidhardt (Stuttgart), August Laube (Zürich), Hellmut Schumann (vormals Schumann & Heinimann) und J. A. Stargardt (damals Marburg, heute Berlin) waren schon 1962 im Gustav-Siegle-Haus vertreten. 1964 reiste sogar ein Kollege aus Tecklenburg im Teutoburger Wald an: H. D. v. Diepenbroick-Grüter zeigte
„Porträts aller Nationen und Professionen, einfache und kostbare Blätter“.
Einen wesentlich weiteren Weg hatte im selben Jahr der argentinische Antiquar Dr. J. Pablo Keins (Buenos Aires). Die Firma Keip ließ sich bei der Messepremiere durch Georg Sauer und das Antiquariat Sauer & Keip vertreten; später reiste für Keip das Hamburger Antiquariat mit Harald Wiermann an. 1964 debütierten die Galerie Valentien und das Antiquariat Müller & Gräff aus Stuttgart. 1965 kam Hanno Schreyer aus Bonn zum ersten Mal nach Stuttgart; sein Sohn setzt die Tradition fort. Seit 1966 zählten das Kunstantiquariat Siegfried Brumme aus Frankfurt und die Karl Pfankuch AG (später Klittich-Pfankuch) aus Braunschweig zu den Teilnehmern. Nach dem Zusammenschluss von Vereinigung und Verband 1968 fanden auch das Brockhaus/Antiquarium (Stuttgart, später Kornwestheim) und das Münchener Antiquariat Robert Wölfle den Weg nach Stuttgart.
Weitere Händler kamen und gingen: Goldschmidt & Co (London), Gunnar Kaldewey (Hamburg), Dr. Hans Schneider (Tutzing), Martin Breslauer (London), Günter Leisten (Köln), Jean Rousseau Girard (Paris), Thulin’s Antiquariat (Österbymo), Hans Marcus (Düsseldorf), das Commerz Cabinett (Hamburg), Dr. Ernst L. Hauswedell (Hamburg), Hans-Horst Koch (Berlin), Maggs Bros. (London), Bernard Quaritch (London) sowie die Kolleginnen und
Kollegen aus Kopenhagen von Branners Bibliofile Antikvariat und Rosenkilde and Bagger. Heribert Tenschert ist ebenso unter den jährlichen Stuttgarter Ausstellern wie Herbert Blank, Reiss & Sohn, Th. Stenderhoff, Tresor am Römer und zahlreiche ILAB Kollegen wie Inlibris aus Wien, Botanicum (Lynden, USA) und Bernard J. Shapero aus London. Das alles spricht für eine bemerkenswerte Kontinuität. Neben die Tradition ist die Innovation, neben die Aussteller von 1962 sind eine Reihe von Kollegen getreten, die in Stuttgart reüssiert und mit den Jahren die Messe bereichert haben. Auch wenn die Messelandschaft seit den Neunzigern vielfältiger geworden ist:
In Stuttgart scheint man das Kunststück zu vollbringen, sich eine gewisse Unverwechselbarkeit zu erhalten - seit über 50 Jahren.






Zitat der Woche
"I find television very educating. Every time somebody turns on the set, I go into the other room and read a book."
"Die Bildung, die das Fernsehen vermittelt, finde ich immens. Jedes Mal, wenn jemand den Fernseher einschaltet, verlasse ich den Raum und lese ein Buch."
Groucho Marx (1890 - 1977)
52. Stuttgarter Antiquariatsmesse
25. bis 27. Januar 2013
Württembergischer Kunstverein
(Schlossplatz 2)
Freitag: 11 - 19.30 Uhr
Samstag und Sonntag: 11 - 18 Uhr

