„Raritäten sind zu sehen, Schöne Raritäten!“

Raritäten sind zu sehn,
Schöne Raritäten!
Wollet nicht vorübergehn,
Sondern zu mir treten!
Durch die ganze weite Welt
Macht ihr für ein kleines Geld
Hier die Promenade.

Mittelalterliche Schönheiten

Heribert Tenschert besticht 2010 mit zwei außergewöhnlichen Stundenbüchern, dessen prachtvolle Miniaturen herausragende Beispiele für die Illuminationskunst des späten 15. Jahrhunderts darstellen. Das Stundenbuch für den Gebrauch von Troyes ist eine lateinische und französische Handschrift, in Provence oder Lothringen um 1480/85 entstanden, mit 19 ganzseitigen Miniaturen, in Form kleiner Gemälde in rechteckigen Kastenrahmen illusionistisch vor Bordüren oder Farbgründen, von einem der großen französischen Buchmaler: Georges Trubert. Dieser hatte im Umfeld des Königs René im Anjou und der Provence begonnen und kam nach dessen Tod 1480 an den Hof Renés II. von Lothringen nach Bar-le-Duc, von wo aus er zuweilen nach Paris geschickt wurde, weshalb er die angevinische und provenzalische Tradition mit neuen Anregungen aus der Hauptstadt zu verbinden vermochte (480.000 €). Ein weiteres Stundenbuch, eine lateinische Handschrift in brauner und roter Bastarda aus den Niederlanden um 1500, ist signiert von Schreiber Hanskin de Bomalia und ist geschmückt mit 67 Bildern, Ranken, Streublumen – teils in geistreicher Anspielung auf den Text des niederländischen Talbot-Meisters (300.000 €).

Hier stehe ich, ich kann nicht anders

Am 4. Oktober 1518, dem Tag seiner Abreise zum Augsburger Reichstag, verfasste Martin Luther ein briefliches „als Testament formuliertes Bekenntnis“, das er nach Wittenberg sandte. Luther wusste, es gab kein Zurück. In Augsburg klagte ihn die Kurie als Ketzer an, der Dominikaner Thomas Cajetan würde ihn verhören. Verweigerte er den Widerruf seiner Lehren, drohte ihm der Märtyrertod. Unmittelbar nach diesem Abschiedsbrief brach der Reformator zu Fuß nach Augsburg auf, wo er, erschöpft, am 7. Oktober eintraf. Zwei Tage lang währte das Verhör, doch Luther weigerte sich beharrlich zu widerrufen – es sei denn, die Kurie könne ihn aus der Bibel widerlegen. Damit galt Martin Luther als der Ketzerei überführt; der drohenden Verhaftung kam er in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober durch Flucht zuvor. Inlibris (Wien) und Kotte (Rosshaupten) legen dieses letzte Testament Martin Luthers – ein einzigartiges Zeugnis der Religions- und Geistesgeschichte – auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse vor. Es ist der früheste jemals in den Handel gelangte Luther-Brief und fraglos das bedeutendste Schreiben des Reformators in Privatbesitz (Inlibris/ Kotte 280.000 €).

Wenn Väter und Söhne miteinander korrespondieren, ist dies nicht immer frei von distanzierten Förmlichkeiten, nahezu formvollendet gab sich Friedrich II., der noch als Kronprinz 1736 an seinen Vater König Friedrich Wilhelm I. schrieb: „Ich habe Meines Aller Gnädigsten Vahters gnädiges schreiben in aller unterthänigkeit Empfangen, und freuet mihr sehr zu vernehmen Das was ich mihr die Freiheit genommen habe Meinem Aller Gnädigsten Vahter zu uberschikken Ihm gesmeket habe; und ist mihr nichts liebers als wan ich was in der Welt ersinnen kan, damit ich Meinem aller Gnädigsten Vahter Meinen unterthänigsten respect und treue liebe am tag legen kan“ (Stargardt 8.000 €). Ebenfalls bei Stargardt zu bewundern ist ein eigenhändiger Brief Georg Christoph Lichtenbergs an den Freund und Mathematiker Georg Heinrich Hollenberg, den der Philosoph mit zwei kleinen Zeichnungen versah (12.000 €). Das niederländische Antiquariat Forum zeigt mit dem – möglicherweise – einzigen deutschen Brief, den Frederic Chopin jemals schrieb, eine Sensation des Antiquariatsbuchhandels: Das eigenhändige Schreiben ist datiert auf den 1. April 1835 und an Sophie Pauline von Müllmann gerichtet (7.700 €).

“The greatest intellectual stride that has ever been granted to any man to make“ (Albert Einstein)

Für Albert Einstein war es die größte intellektuelle Leistung der Geistesgeschichte, auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse ist die erste Ausgabe des bedeutendsten naturwissenschaftlichen Werkes einer der Höhepunkte unter den Frühdrucken und Inkunabeln: Isaac Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“ in der ersten Ausgabe, 1687 in London erschienen (Schumann 250.000 €).

Werke aus der Zeit des frühen Buchdrucks in erlesenen Einbänden gehören traditionell zu den Schwerpunkten der Stuttgarter Antiquariatsmesse. Das Antiquariat Büchel-Baur zeigt ein „Formularium advocatorum et procuratorum“, in Basel bei Michael Furter 1489 gedruckt (10.500 €). Der Spezialist für Inkunabeln wartet gleich mit einer ganzen Sammlung seltener juristischer Schriften des 15. bis 18. Jahrhunderts aus einer süddeutschen Privatkollektion auf, darunter die „Decretalen des Gratian“ in einem Pariser Druck aus dem Jahr 1510 sowie Johannes Reuchlins „Principium libri ... de rudimentis hebraicis“, für dessen Druck 1506 erstmals bewegliche hebräische Lettern verwendet wurden (7.500 €). Das erste mit arabischen Typen in Spanien gedruckte Buch ist beim Erasmushaus zu bewundern: Miguel Casiris „Bibliotheca Arabico-Hispana Escurialensis”, in zwei Bänden 1760 und 1770 in Madrid bei Antonio Perez de Soto erschienen – ein Schlüsselwerk der spanischen Aufklärung (10.500 €). Ebenfalls beim Erasmushaus zu sehen ist die erste illustrierte Ausgabe von Aurelius Augustinus’ „De civitate dei“, Basel bei J. Amerbach am 13. Februar 1489, mit einem handkolorierten, fast blattgroßen Holzschnitt vom Meister des Haintz Narr (32.000 €). Der „Vocabularius quatuor linguarum Latine Italice Gallice & Allamanicae”, Rom 1522, ragt beim Antiquariats Papyrus heraus. Das Wörterbuch war für Geistliche, Händler und Soldaten gedacht (12.000 €). Johannes Schöner kommentierte als Erster die Lehren des Nikolaus Kopernikus. Sein in Nürnberg 1545 verlegtes astrologisches Hauptwerk „De ivdiciis nativitatvm“ empfiehlt wiederum das Züricher Antiquariat Schumann (30.000 €), und bei Rolf Schwing steht auch 2010 das memento mori im Mittelpunkt des hochwertigen Angebotes: Die 1512 von Johann Weissenburger gedruckte „Ars moriendi“ verfügt über den ursprünglichen Text der Blockbuch-Ausgaben, die markanten Holzschnitte zeigen den Menschen, von guten und bösen Machten umgeben (18.000 €). Die erste geschätzte Aldus-Ausgabe des „Decamerone“, Venedig 1522, die noch von Aldus Manutius vorbereitet und korrigiert wurde, ist bei Wolfgang Braecklein zu erwerben (14.000 €), der zur Stuttgarter Antiquariatsmesse Teil III seiner bemerkenswerten Katalogreihe „Aus der Bibliothek Georg F. Miller“ vorlegt.

Exotik

Schlangen, Käfer, Insekten, Paradiesvögel, wilde Tiere, exotische Pflanzen ... Flora und Fauna fremder Länder sind ein beliebtes Sujet prachtvoller Tafelwerke. Zwei der berühmtesten und bedeutendsten Werke dieser Art vereinigt ein von Neidhardt angebotener Sammelband: Maria Sibylla Merians „De Europische Insecten“ (1730) und „Over de Voortteeling en wonderbarlyke Veranderingen der Surinaemsche Insecten“ (1719), dessen kolorierte Kupfertafeln als Höhepunkte der naturwissenschaftlichen Illustrationskunst des 17. bzw. 18. Jahrhunderts gelten (58.000 €). Das Brockhaus/Antiquarium widmet in diesem Messejahr der Ornithologie ferner Länder und Kontinente einen eigenen Katalog, in dem neben vielen anderen Frederick du Cane Godmans „Monograph of the Petrels” heraussticht. In nur 225 nummerierten Exemplaren wird es als wichtigstes und schönstes Werk über Seevögel betrachtet (6.500 €). René Primevère Lessons „Histoire naturelle des oiseaux-mouches”, 1829 bis 1834 in 4 Bänden mit 261 farbigen Kupfertafeln gedruckt, die von Hand nachgearbeitet und mit Gummi Arabicum gehöht wurden, ist ein faszinierendes Werk über Kolibiris und Paradiesvögel und gleichfalls bei Brockhaus zu bewundern (16.000 €). Extrem selten ist die erste Ausgabe des Klassikers der Zoologie, Georges Louis Leclerc Buffons „Allgemeine Historie der Natur“ in 22 Bänden mit über 720 Tafeln (Forum 13.250 €). Das hübscheste aller Kängurus – Nationaltier Australiens – ist auf den 72 handkolorierten Tafeln von George Shaws „Museum Leverianum” zu finden. Das Werk, im Angebot bei Hordern House, gilt zu Recht als eines der hervorragendsten naturhistorischen Bücher des 18. Jahrhunderts (34.500 €).

Meuterei!

Hat er es geschafft? Hat er Folter und Verbannung überlebt und ist nach England zurückgekehrt? Lange hielten sich die Gerüchte um den Anführer der Meuterei auf der Bounty, Fletcher Christian. Trotz aller augenfälligen gegenteiligen Beweise sei dieser doch nicht auf Pitcairn ermordet worden, sondern nach abenteuerlicher Flucht durch Südamerika gezogen!

In 7 fiktiven Briefen erzählen „Fletcher Christian’s Steuermannsgehülfen auf dem ... Schiffe Bounty Reisen und Schicksalen“ (1802) dessen sagenumwobene Geschichte. Eines von nur zwei nachweisbaren Exemplaren wird die Kenner der Reiseliteratur am Messestand von Eigl beeindrucken (4.900 €), wo darüber hinaus eines der schönsten Farbtafelwerke über Kalkutta, Charles D’Oylys „Views of Calcutta“ aus dem Jahr 1848 mit 27 handkolorierten Ansichten zu bewundern ist (46.000 €). Hodern House aus Australien, weltweit bekannter Spezialist für Reiseliteratur, ist erstmals in Stuttgart vertreten. Höhepunkte des Angebotes sind James Magras „Journal of a Voyage round the World in His Majesty’s Ship Endeavour”, der erste gedruckte Bericht über James Cooks erste Expedition (49.000 €), sowie eine der äußerst raren Bronzemedaillen, die in Erinnerung an Cooks Tod auf Hawaii geprägt wurden (15.950 €). Sir John Pringles „Discourse upon some Late Improvements in the Health of Mariners” aus dem Jahr 1776 gibt erstmalig Kunde von Cooks Fortschritten in der Skorbut-Bekämpfung (Hordern House 40.000 €).

Climbing high

Bernard J. Shapero steigt 2010 in unbekannte Höhen: Guido Reys „Matterhorn“ ist das wohl berühmteste Werk über den Alpinismus, mit reizvollen Illustrationen und in der vorliegenden auf nur 15 Exemplare limitierten De-Luxe-Edtion von ausgesprochener Seltenheit (10.800 €). Diaz Tancos „Türckische Historien“ von 1563, denen eine Ausgabe von Herbersteins „Moscoviter Wunderbare Historien“ beigebunden ist, stehen bei Norbert Donhofer (14.500 €) im Mittelpunkt, während Schwarzfischer mit Junghuhns Werk über Java (19.000 €) und Prisse d’Avennes reich illustrierter Schrift „L’Art Arabe“ (28.000 €) auf die klassischen Reisewerke setzt. Reiss & Sohn stellt mit dem „Atlas urbium“ einen reizvollen Sammelatlas vor, mit 81 altkolorierten Kupferplänen, -ansichten und -karten aus den Jahren 1720 bis 1755 (65.000 €).

Vor und hinter der Kamera

Das 19. Jahrhundert bereicherte die Literatur über Expeditionen und Entdeckungen um einen neuen, künstlerischen Aspekt: die Reisefotografie. August Sachtler war einer dieser neuen Entdecker hinter der Kamera. Eine beeindruckende Sammlung von 186 Vintage-Fotografien aus dessen Atelier wird vom Antiquariat KaraJahn angeboten. Es erlaubt einen faszinierenden Überblick über Sachtlers Oeuvre sowie über die Länder und Völker Südostasiens, die nun nicht mehr durch die Hand des Künstlers, Lithographen oder Kupferstechers verfremdet, sondern „realistisch“ abgebildet wurden (120.000 €). Eine weitere, gleichfalls von KaraJahn offerierte Fotodokumentation mit über 370 Ansichten erhellt die Reisen der Königin Victoria von Schweden nach Italien und Ägypten (32.000 €). Szenenfotos aus Fritz Langs legendärem Stummfilm „Metropolis“ zeigt Dr. Paul Kainbacher (35.000 €)

Höfische Fechtkunst und andere Sportarten

Zwei seltene Fechtbücher erblickt das bibliophile Auge bei Michael Banzhaf und Lex Antiqua. Hans Wilhelm Schoeffer von Dietz „Gruendtliche vn(d) eigentliche Beschreibung der freyen Adelichen vnd Ritterlichen Fechtkunst“ ist „mit 670 schönen vnd nothwendigen Kupfferstuecken gezieret“ (Banzhaf 12.000 €), Alessandro Senesios „Il vero maneggio di spada“ wurde 1660 in Bologna gedruckt (Lex Antiqua 5.000 €). Franz Siegle gibt sich den „Badefreuden im Südwesten” in den „Heylquellen und Molkencur-Anstalten des Königreichs Würtemberg“ hin; die gesuchten Schriften über die Bäder Biberach, Boll oder Cannstatt (300 € bis 800 €) werden begleitet von Thurneysser zum Thurns bahnbrechender Schrift „Von kalten, warmen, mineralischen und metallischen Wassern“ 1572 (4.500 €). Sportlich nimmt es auch das Antiquariat Winfried Geysenheyner, dessen Katalogbeitrag der Turnbewegung des 19. Jahrhunderts gewidmet ist und – statt Wellness und Pilates – „Turn-Uebungen“ von Eiselen (780 €), „Gymnastik für die Jugend“ von GuthsMuths (800 €) oder die „Deutsche Turnkunst nach F. J. Jahn“ (500 €) empfiehlt.

Zwischen Romantik und Moderne

Die Literatur schlägt 2010 einen rasanten Bogen von der Romantik ins 20. Jahrhundert. Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ in der ersten Ausgabe zählt zu den Seltenheiten der deutschen Literatur bei Herbert Blank (12.000 €). Grimms „Kinder- und Haus-Märchen“ sind in der ersten illustrierten und vollständigen Ausgabe 1819-1822 im Handel nahezu unauffindbar (Braecklein 13.500 €).

Wie schmal der Grat zwischen Literatur und Kunst verläuft, ist nirgends besser zu beobachten als in der Moderne. „Dada“, redigiert von Tristan Tzara, dokumentiert die künstlerischen Entwicklungen des Dadaismus in seiner Hauptzeit. Die in Zürich herausgegebenen Nummern enthalten insgesamt 35 Originalholzschnitte, vorwiegend von Hans Arp und Marcel Janco. Sie sind einer der Höhepunkte am Stand von Günter Linke (38.000 €), neben Blaise Cendras „La Fin du Monde“ in einem Widmungsexemplar von Fernand Leger an Walter Mehring (10.000 €) und Paul Klees aquarellierter Originallithographie, die er als Einladungspostkarte zum Laternenfest des Bauhauses an der Sonnwendfeier 1922 fertigte (28.000 €).  

Goethes „Faust“ – ganz anders, in einer Luxusausgabe mit rot-schwarzen Kupferstichen von Collot. Eines von 350 Exemplaren auf Grand Velin d’Arches präsentiert das Antiquariat Wölfle (1.200 €). Die Schmiede stellt mit Walter Serners „Die Tigerin“ eine „absonderliche“ Liebesgeschichte vor, die zeitweilig konfisziert wurde (1.475 €). Anna Akhmatovas widmete ihre „Belaya Staya“ der Freundin Salome Andronikova (Shapero 2.500 €). Durchgefallen ist dagegen Walter Benjamin. Seine Habilitationsschrift über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ und wurde von der Universität Frankfurt abgelehnt (Ahnert 5.500 €).

Ein Riese ist der Elefant.
Der Fotograf knipst ihn gewandt.
Die Katze sieht zum Fenster raus,
und Luca schneidet Bilder aus

Kinder, die in den Zwanzigerjahren Londa und Conrad Felixmüllers „geschütteltes und geknütteltes Alphabet in Bildern“ als ABC-Buch erhielten, waren zu beneiden – auch wenn sie den Wert ihres Spielzeuges womöglich nicht zu ermessen wussten. Das Büchlein, 1925 im Selbstverlag erschienen, ist mit einem zweifarbig gedruckten Holzschnitt-Titel sowie 15 eigenhändig kolorierten Holzschnitt-Tafeln geschmückt und enthält eine Widmung des Künstlers „für Familie Dobrich, zur freundlichen Erinnerung an ihren Besuch bei uns in Tautenhain“ (Abeceda 13.500 €).

Beschaulicher ging es zur Zeit des Biedermeier zu, wie die „Bilder aus dem Leben zu angenehmer, nützlicher Unterhaltung und mündlicher Belehrung für Knaben und Mädchen“ aus dem Jahr 1831 beweisen. Der von Thierstein angebotene „Anschauungsunterricht“ ist für 12.700 € zu erwerben. Weihnachten mit den Cizek-Schülerinnen – die 14 farblithographischen Tafeln, veröffentlicht in Wien 1922, stellen die berühmteste Veröffentlichung der Klasse für Jugendkunst dar (Keune 1.200 €). Wer mag da schon an weihnachtliches Shopping denken? Sicher die Sammler, die an den ebenfalls bei Keune zu sehenden „Shopping Notes“ in Schuhform nicht vorübergehen können (580 €).

Raritäten sind zu sehn, Schöne Räritaten!

Sensationen – durch ein Schlüsselloch betrachtet. Wie nie zuvor zeigte der Guckkasten das naturgetreu auf Bilder und Stiche gebannte Abbild der Welt so, als ob der Betrachter mitten im Geschehen stünde. Ein Blick ins Innere des Kastens genügte, schon erschienen die Veduten, Ansichten und Kulissen wie im richtigen Leben. Die ersten Guckkästen stammten vermutlich aus dem 17. Jahrhundert. Der von Weinek in Stuttgart angebotene Guckkasten wurde schon um 1800 mit 41 gestanzten, kolorierten Ansichten hergestellt und zählt sicher zu den reizvollsten und publikumswirksamsten Objekten auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse 2010 (88.000 €).

Nun schließ ich meinen Kasten zu,
und geh nach Haus in guter Ruh -
Und wer sagt, dass ich ihn betrogen
Der hats in seine Gusch gelogen.
Schöne Spielwerk! Schöne Rarität!
O bella Katherine! Scharmante Margareth!
O schöne Spielwerk, o schöne Rarität!

(Anonymes Guckkastenlied)

Meisterwerke zum Anfassen - 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse 2010

Vom 29. bis 31. Januar 2010 bietet der museale Rahmen des Württembergischen Kunstvereins am Stuttgarter Schloßplatz das stilvolle Ambiente für einen der Höhepunkte des bibliophilen Kalenders. Auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentieren Antiquare aus Deutschland, Australien, Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden wertvolle Manuskripte, Bücher, Autographen und Graphiken aus 5 Jahrhunderten Buchdruck und Buchkunst. Sie verwandeln den Württembergischen Kunstverein für ein Wochenende in einen Marktplatz der Bibliophilie.

Spektakuläre Highlights prägen die Stuttgarter Antiquariatsmesse 2010. Die über 80 Aussteller zeigen ein breites Angebot auf hohem Niveau, für jedes Interesse und bis in die obersten Preisregionen. Mittelalterliche Stundenbücher, kunstvoll illuminiert von Georges Trubert, Hofmaler der beiden Renés von Anjou, sowie von dem niederländischen Meister des George Talbot (Tenschert 480.000 € und 300.000 €) zählen dazu wie das früheste jemals in den Handel gekommene handschriftliche Zeugnis des großen Reformators Martin Luthers, welches dieser kurz vor seinem Aufbruch nach Augsburg verfasste, wo er sich, der Ketzerei beschuldigt, der Strafe nur durch Flucht am 20. und 21. Oktober 1518 entziehen konnte (Inlibris/Kotte 280.000 €).

Die nach Meinung Albert Einsteins größte intellektuelle Leistung der Menschheitsgeschichte, Isaac Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“ aus dem Jahr 1687 (Schumann 250.000 €), steht an der Spitze der Frühdrucke und Inkunabeln, die traditionsgemäß einen wichtigen Schwerpunkt in Stuttgart darstellen und 2010 mit Augustinus’ „De civitate dei“ von 1489 (Erasmushaus 32.000 €) sowie einer Reihe seltener juristischer Wiegendrucke (Büchel-Baur) wiederum stark vertreten sind.

Attraktive Glanzlichter in den Vitrinen sind die Meilensteine der Natur- und Entdeckungsgeschichte, darunter die beiden seltenen Werke Maria Sibylla Merians über die Insekten Surinams und Europas (Neidhardt 58.000 €), Charles D’Oylys „Views of Calcutta“ 1848 mit 27 handkolorierten Ansichten (Eigl 46.000 €), die faszinierende Sammlung von Reisefotografien aus dem Atelier August Sachtler, der das erste Panoramafoto Singapurs anfertigte (KaraJahn 120.000 €), sowie vor allem die außergewöhnlichen Werke und Ephemera über James Cook und dessen Expeditionen, die Hordern House aus Australien erstmals in Stuttgart zeigt. Magras Bericht über Cooks erste Reise 1771 (49.000 €) ist nicht minder selten wie eine der mittlerweile nahezu unauffindbaren Medaillen, die anlässlich von Cooks tragischem Tod auf Hawaii geprägt wurden (19.950 €). Der renommierte Spezialist für seltene Reisewerke reüssiert 2010 ebenso auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse wie Lex Antiqua (Bologna), Papyrus (Rijswijk), Acanthus (Utrecht) und Abeceda (München).

Eine – von zwei – Ausstellungen auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse ist dem jüdischen Kinder- und Jugendbuchverlag Levy & Müller gewidmet, dessen Geschichte Friedrich Pfäfflin aus bisher unbekannten Dokumenten minutiös zusammengetragen hat. Entsprechend weit gesteckt ist auch das Angebot unter den Kinder- und Miniaturbüchern. Es reicht von den reizvollen „Shopping Notes“ – winzigen Werbegaben in Schuh- und anderen Formen von Juwelieren, Parfümerien, Schuhmachern oder Miederwarengeschäften (Keune 580 €) – bis zu so seltenen Exponaten wie Londa und Conrad Felixmüllers „Geschütteltes, geknütteltes Alphabet in Bildern und Versen“ (KaraJahn 13.500 €). Die zweite Ausstellung ist Ikonen des Antiquariatsbuchhandels gewidmet: Der Londoner Fotograf Mike Tsang hat unter dem Titel „A Very British Breed“ berühmte Antiquare in ihrem Umfeld porträtiert.

Ein Guckkasten, um 1800 gefertigt, mit 41 kolorierten Ansichten und Veduten (Weinek 88.000 €), Hendrick Goltzius’ berühmter Kupferstich um 1585/86 „Der Bethleheminische Kindermord“ (Rumbler 68.000 €) neben Otto Dix’ „Beschiessung von St. Quentin“ (Valentien 35.000 €) und der legendären Zeitschrift „Dada. Recueil litteraire et artistique“ (Linke 38.000 €) – die Stuttgarter Antiquariatsmesse lebt von ihrer Vielfalt in Gegensätzen. Ihren Reiz eröffnet sie im Nebeneinander von Buch und Kunst, Mittelalter und Moderne.

„So leicht es heute ist, ein häßliches Buch zu finden (man braucht nur das erstbeste zu nehmen)“, schrieb Jan Tschichold, „so schwer ist es, ein wirklich häßliches altes Buch aus der Zeit vor 1770 zu entdecken.“ Bücher sind mehr als nur ein Text: Sie sind die Essenz aus Typographie, Illustration und Einbandkunst. Sie sind Kunstwerke, und gehören als solche – natürlich auch – ins Museum. Zugleich sind sie den sich wandelnden Ideen, Philosophien, Revolutionen, Theorien und Moden der Jahrhunderte unterworfen. Das Buch als Kunstwerk und Teil der Weltgeschichte – das macht den Reiz der Bibliophilie aus. Nirgendwo sonst ist dieser spürbarer als im Antiquariatsbuchhandel, als auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse vom 29. bis 31. Januar 2010, wo die Schätze der Buchkunst in den Vitrinen nur darauf warten, von Sammlern und Händlern entdeckt zu werden.








Zitat der Woche

"I find television very educating. Every time somebody turns on the set, I go into the other room and read a book."

"Die Bildung, die das Fernsehen vermittelt, finde ich immens. Jedes Mal, wenn jemand den Fernseher einschaltet, verlasse ich den Raum und lese ein Buch."

Groucho Marx (1890 - 1977)

52. Stuttgarter Antiquariatsmesse

25. bis 27. Januar 2013

Württembergischer Kunstverein 

(Schlossplatz 2)

Freitag: 11 - 19.30 Uhr

Samstag und Sonntag: 11 - 18 Uhr


referenz 2

zweiter Referenztext